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Montag, 18. April 2011

Wahlergebnisse

In Finnland finden alle 4 Jahre nationale Wahlen statt. Gewählt wird das 200-köpfige Parlament, das nur aus einer Kammer besteht. Dabei wird ein ganz normales Proporzsystem angewendet, mit der Besonderheit, dass jeder Stimmbürger nur einen einzigen Kandidaten wählen kann. Die Parteienstimmen werden dann zusammengezählt und die Sitze dementsprechend vergeben. Das hat zur Folge, dass Wahlen hier auf sehr persönlicher Ebene stattfinden, und weil wir ja im Zentrum einer ganzen Region wohnen, waren die Kandidaten auch häufig persönlich in der Einkaufsstrasse im Stadtzentrum anzutreffen. Alternativ präsentierten sie sich auf grossen Wahlplakaten, wie diesem vor unserem Haus.


Seit dem 2. Weltkrieg hatten sich in Finnland die 3 grossen Parteien (Zentrumspartei, Nationale Sammlungspartei und Sozialdemokraten) die Macht aufgeteilt, wobei immer eine Partei nicht in der Regierungskoaliation vertreten war. Weil aber 2 Parteien nie für 50% reichten, hatten auch traditionellerweise kleinere Parteien wie die Schwedische Volkspartei oder der grüne Bund ihre Vertreter in der bis zu 20-köpfigen Regierung. Der Ministerpräsident wird normalerweise von der wählerstärksten Partei gestellt.

Und hier die Resultate (in Klammern die Zahlen von 2007):
  • Nationale Sammlungspartei (Konservative) 20.2% (21.8%)
  • Sozialdemokratische Partei 19.5% (22.9%)
  • Wahre Finnen 18.6% (3.7%)
  • Zentrumspartei 17.3 (24.8%)
  • Linksbündnis 8.3% (9.4%)
  • Grüner Bund 6.4% (6.5%)
  • Christdemokraten 4.3% (4.9%)
  • Schwedische Volkspartei 3.5% (3.2%)
  • Andere 2.0% (2.6%)

So gesellt sich Jahre 2011 eine neue 4. Kraft dazu: die "wahren Finnen" (Perussuomalaiset, eigentlich übersetzt die "Basisfinnen") erreichten auf Kosten aller anderen Parteien (insbesondere der bisher regierenden Zentrumspartei) einen Zuwachs von sagenhaften 15 Wählerprozenten, oder einer Verfünffachung des bisherigen Wähleranteils. Die Partei spielte bis jetzt die Rolle der rechtspopulistischen Oppositionspartei mit sozialen Strömungen. Sie ist anti-europäisch, lehnt die Zuwanderung ab, ist gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehen, und engagiert sich für die Abschaffung des obligatorischen Schwedischunterrichts. Auf der anderen Seite, im Gegensatz zu anderen erfolgreichen rechtspopulistischen Parteien Europas, setzt sie sich nicht nur auf dem Papier für die sozial Schwächeren ein. Der Erfolg der wahren Finnen ist vor allem der Verdienst des omnipräsenten Präsidenten Timo Soini, andere Vertreter der Partei sind eher unbekannt. Er sitzt übrigens im Europa-Parlament...

Diagramm: Helsingin sanomat - www.hs.fi

Nun ist es die Aufgabe des siegenden Parteipräsidenten und des designierten Ministerpräsidenten Jyrki Katainen, eine Regierung zu bilden. Die 3 erfolgreichsten Parteien haben dabei alle bekanntgegeben, dass sie zusammen eine Regierung bilden wollen. Dies wird aber sehr schwierig werden, da die Ansichten der wahren Finnen (vor allem bezüglich Europa-Fragen wie betreffend Hilfspacket für Portugal) sich von den der anderen Parteien sehr stark unterscheiden. Auf alle Fälle wird es spannend!

Und wird nun die finnische Politik ausländerfeindlicher werden? Wohl kaum, denn die Zuwanderung ist (entgegen den Berichten in der europäischen Presse) nicht das Hauptthema der wahren Finnen. Andererseits ist der hohe Wähleranteil nicht nur ein Zeichen der Unzufriedenheit mit der bisherigen Regierung und der EU, sondern auch der Angst vor der zunehmenden Immigration. Und das bei 2.7% Ausländer in der Bevölkerung.

Donnerstag, 17. März 2011

Evakuierung

Kleiner Schock heute bei Christian an der Universität. Der Mattilanniemi-Campus, nur 200 m von Christian's Büro entfernt, musste am Nachmittag wegen der Gefahr eines Amoklaufs evakuiert werden. Anscheinend hatte jemand (nicht anonym) der Polizei gemeldet, dass eine Person mit einer Waffe unterwegs sei. Die Polizei durchsuchte die Gebäude stundenlang, konnte aber nichts finden und gab am Ende Nachmittags Entwarnung. Fehlalarm, zum Glück.

 

Keskisuomalainen, Zeitung von Zentralfinnland.

Das man hierzulande so schnell und intensiv auf nur den kleinsten Hinweis eines Amokslauf reagiert, hat seine Gründe. Ähnlich wie die USA und Deutschland wurde nämlich Finnland in den letzten Jahren von Amokläufen nicht verschont. Im November 2007 richtete ein Gymnasium-Schüler in der Nähe von Helsinki 8 Mitschüler und sich selbst. Im September 2008 tötete ein Schüler einer Fachhochschule im Westen Finnlands 10 Schüler mit einer Schusswaffe und beging dann Selbstmord. Am Silvester 2009 erschoss ein Mann wiederum in der Nähe von Helsinki zuerst zuhause seine Freundin, dann wahllos 4 Leute im Einkaufszentrum, in dem sie normalerweise arbeitete, und brachte sich schliesslich selbst um. Letztlich, im Sommer 2010, beendete ein Mann bei einer McDonalds-Filiale einen Streit mit 3 Unbekannten, indem er sie mit einer Schusswaffe tötete und danach mit seiner schwangeren Frau zu flüchten versuchte. Der Täter war 7 Monate vorher frühzeitig aus einer "lebenslangen" Haftstrafe wegen Mordes entlassen worden.

Über die Gründe dieser Häufung von so schweren Gewaltdelikten wurde in Finnland viel diskutiert, und natürlich kam auch die sehr liberale Gesetzgebung bezüglich Waffenbesitz stark unter die Räder. Immerhin steht Finnland, nach den USA und Jemen, beim privaten Waffenbesitz auf Rang 3 der Welt (die Schweiz folgt auf Rang 4). Grund dafür sind die vielen Jäger in der Bevölkerung. Und die haben eine so starke Lobby, dass sich wohl nichts ändern wird. Ob es etwas nützen würde, steht sowieso in den Sternen...

Donnerstag, 29. April 2010

Lakko

Alles beim Alten hier in Finnland: Irgendjemand ist immer am streiken. Die Gewerkschaften haben viel Macht, und sie erreichen häufig auch, was sie wollen. Ein Streik (Lakko) muss 3 Wochen vorher angekündigt werden, sonst gilt er als illegal. Nach den Piloten, Busfahrern, Hafenpersonal und Gepäckpersonal beim Flughafen (illegal) waren letzte Woche die Mitarbeiter der Lebensmittelproduktion an der Reihe. So sah dann heute die Fleischabteilung in Supermarkt aus:


Inzwischen sind die Arbeitnehmer aber zum Arbeitsplatz zurückgekehrt, und die Regale sollten bald wieder voll sein. Sogar an der Uni bei Christian war für März ein Streik geplant, der jedoch dann doch nicht durchgeführt wurde, weil sich die beiden Parteien schon vorher einigten.

Im Moment findet bereits der nächste (illegale) Streik statt: Die Busfahrer in Helsinki haben ihre Arbeit niedergelegt, und das genau zu der Zeit, wo ein Unfall an einem Nadelöhr fast das ganze Eisenbahnnetz für mehrere Tage zum Erliegen gebracht hatte.