Freitag, 31. Oktober 2008

JYP

"It's the same every year" meinte Christian's Arbeitskollege Anssi, als er ihn auf den brillianten Saisonstart des Eishockeyteams von Jyväskylä (JYP, "Jü-pe") ansprach. Nach 21 Runden liegt das Team auf Platz 1, vor Jokerit Helsinki. Am Ende der Saison (und die ist noch lange) liegen die Mittelfinnen allerdings selten weit vorne. JYP bedeutet übrigens Jyväskälän Pallo und Pallo heisst Ball. Wer sich jetzt über diesen seltsamen Namen wundert, der soll sich doch mal überlegen, warum GC (Grasshopper Club) u.a. auch ein Eishockeyverein ist...

Heute machten sich die Christians (Meier und Rellstab) auf zum Spiel von JYP gegen die Pelicans aus Lahti. Gespielt wird hier in der Synergia-Arena, die 4180 Zuschauern Platz bietet. Der Match war eher eine Enttäuschung, dauerte es doch 35 min, bis das erste Tor fiel. Immerhin konnten wir uns am Schluss über einen 2:0 Heimsieg freuen.


Der Autor dieses Blogs ist wahrlich kein Eishockey-Experte, aber es scheint, wie wenn das finnische Eishockey auf dem technisch hohem Niveau gespielt wird. Physisch hingegen scheint man sich eher zu schonen.


Auch die finnischen Fans geben nur verhalten Gas und reagieren (Jubeln, Reklamieren), aber agieren nicht (Anfeuern). Im ersten Drittel war es sehr ruhig, immerhin gaben ein paar Trommler ihr Bestes. Im zweiten Drittel wurde es ein wenig lauter (alle hatten wohl inzwischen ein Bier mehr intus) und im dritten wegen dem zweiten Tor und einigen seltsamen Entscheidungen des Schiedsrichters doch noch Stimmungsvoll. Wo man Bier trinken kann, ist übrigens genau definiert, ist es doch nur gerade bei der Bar erlaubt. Und falls sich unwissende Ausländer trotzdem mit ihrem Bier davonstehlen wollen, werden sie von einem Security Mann freundlich in die Trinker-Zone zurückgeschickt...

Dienstag, 28. Oktober 2008

Spikes

Wir essen Piirakka und Pulla, sind stolze Besitzer einer KELA-Karte (Sozialversicherungen) und besuchen 1-2x in der Woche die Sauna. Wir gehen bei jedem Wetter auf den Spielplatz, streichen uns gesalzene Butter auf das Brot und haben keinen Festnetzanschluss. Wir trinken manchmal scheusslichen Kaffee, verbringen viel Zeit mit der Familie und sammeln im Spätsommer wilde Beeren.

Langsam aber sicher werden wir immer finnischer.

Nun haben wir den nächsten Schritt in der Assimilierung gemacht und haben uns Winterpneus mit Spikes gekauft. Und nicht irgendwelche, sondern finnische Nokian Pneus (Tochtergesellschaft von Nokia). Gemäss unserem Garagisten besitzen 85% der Wagen in Jyväskylä Spikes und sie sind unverzichtbar. Die mit "Nägeln" bestückten Reifen kosten auch nicht mehr als übliche Winterreifen und entgegen der landläufigen Meinung kann man damit auch über 80 km/h fahren (max. 190 km/h mit unserem Modell - das probieren wir besser nicht aus). Und so rasselt es jetzt auch bei uns so schön, wenn wir über die aperen Strassen fahren. Gewöhnungsbedürftig ist auch das Steuern, dass nun plötzlich viel weniger Kraft benötigt.


Was wird das nächste sein? Vielleicht kaufen wir uns beide mal ein Nokia Handy, vielleicht verbringen wir die nächsten Sommerferien im Sommerhäuschen, oder (ganz fest) vielleicht schaffen wir es ja irgendwann mal, eine vernünftiges Gespräch in Finnisch zu führen...

Sonntag, 26. Oktober 2008

Sunnuntai

Ein hässlicher, grauer, und nasser Sonntag (Sunnuntai) in Jyväskylä. Praktisch den ganzen Tag regnete es, z.T. stürmte es sogar. Es reichte für eine Stunde Joggen für Christian (entlang dem Tuomiojärvi) und einem Spaziergang zum Laden, ins Kaffee und auf den Spielplatz.


Die Flaggen waren bereits das 2. Mal in dieser Woche (Freitag: Uno-Tag) gehisst. Grund: Kommunalwahlen im ganzen Land.

"Dank" der heute eingeführten Winterzeit war es bereits um 5 Uhr stockdunkel. Gemäss unseren eigenen Berechnungen kommt die Dunkelheit bis zum 21. Dezember durchschnittlich pro Tag um fast 3 Minuten früher. Da kommen harte Zeiten auf uns zu....

Ach ja, und hier noch die Resultate der Wahlen, landesweit zusammengefasst (Parteinamen so gut wie möglich übersetzt):

23.4%   +1.6   Nationale Koalition (Mitte, pro-EU)
21.2%   -2.9   Sozialdemokraten
20.1%   -2.7   Zentrumspartei
8.9%   +1.6   Grüne
8.8%   -0.8   Linke Allianz
5.4%   +4.5   Wahre Finnen (anti-EU, Nationalisten)
4.7%   Schwedische Bürgerpartei
4.2%   Christdemokraten
0.5%   Kommunisten
0.1%   Seniorenpartei
0.1%   Unabhängigkeitspartei

Wahlbeteiligung: 61.2%
Frauenanteil: 37% (40% Frauen auf den Listen)

Samstag, 25. Oktober 2008

Kone agria - Hauptsache Traktoren und Bagger

Heute war wieder mal Männertag. Und was für einer! Da sich Jonas in letzter Zeit fast nur für Autos, Bagger, Lastwagen und Traktoren interessiert hatte, stand die Landwirtschaftsausstellung Kone Agria auf dem Programm. Sie findet jedes Jahr im Messezentrum Paviljonki statt und ist berühmt für ihre riesige Auswahl an Landwirtschaftsmaschinen. In 4 Tagen zieht sie über 30'000 Besucher an.

Frühmorgens machten sich also Jonas und Christian auf den Weg (Susanne musste arbeiten). Der Eintritt war gratis für "foreign visitors" - warum auch immer. Das Publikum war vorwiegend männlich und vereinte alle Altersklassen von Säugling bis Grossvater. So tat Christian das, was alle finnischen Väter auch taten: Er liess Jonas (auch wenn er am Anfang nicht so richtig wollte) auf den Maschinen herumturnen und fotografierte ihn stolz dabei. Die Anzahl Besucher, die wirklich Bauern sind (und damit potentielle Kunden der Aussteller), muss vernichtend klein gewesen sein.

Und es hatte alles, was ein kleiner Junge braucht, das reinste Paradies.

Grosse Traktoren...


Kleine Traktoren...


Miniatur-Traktoren...


Bagger...


Spielzeugtraktoren...


Nach und nach fand Jonas riesigen Gefallen am Ganzen und es wurde immer schwieriger, ihn von den Fahrzeugen zu trennen. Bei einer kleinen Pause mit Kaffe und Gebäck ass er seine Pulla nicht mal fertig. Er kletterte vom Stuhl, lief davon, drehte sich nochmals zu seinem Papa um und sagte: "Traktor aaluege".

Dann verbrachten wir noch eine Stunde auf dem Spielplatz, ehe wir nach Hause gingen, um Susanne von allem zu erzählen. Jonas aber liessen die Traktoren nicht mehr los, sein Traktorenkatalog mit 80 verschiedenen Modellen ist seither seine neue Lieblingslektüre in allen Situationen.


Am Abend kamen die Meiers auf Besuch - und siehe da, nicht nur Fahrzeuge, auch Mädchen scheinen interessant zu sein. Wir waren erleichtert und genossen den schönen und wilden Abend mit den Kindern.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Jumppalaulu

Thema heute in Christian's Finnischkurs: Ruumiinosat - Körperteile. Dazu mussten wir zu einem kurzen Video tanzen und singen. Natürlich wollen wir Euch das nicht vorenthalten:



Der Titel heisst "Turnlied", den Rest muss man wohl nicht übersetzen.

"pää, olkapää, peppu, polvet, varpaat, polvet, varpaat..."

"silmät, korvat ja vatsaa taputan...." ("... und auf den Bauch klopfe ich")

Montag, 20. Oktober 2008

Frustguetztli

Am Montag war dann wieder einmal Alltag angesagt. Christian ging arbeiten und Susanne und Jonas brachten erst einmal den Haushalt wieder auf Vordermann. Eigentlich wollten sie danach auf den Spielplatz, aber Jonas war gar nicht in Stimmung dazu. Er weigerte sich standhaft, die Strumpfhosen, Regenhosen und Winterjacke anzuziehen und auch sonst konnte man es ihm nicht recht machen. Wahrscheinlich war es ihm nur mit seiner Mama einfach zu langweilig! Nachdem Jonas dann unsere Kochbücher aus dem Gestell geräumt, und jedes einzelne Buch, das auf dem Boden landete, mit "abegheit" kommentiert hatte, kam Susanne auf die Idee, "Frustguetzli" zu backen und endlich mal unsere finnischen Guetzliförmli (natürlich in Form eines Rentiers, eines Schneemannes und eines Muumins) einzuweihen. Jonas beäugte das Ganze zuerst sehr kritisch, war aber bald Feuer und Flamme, v.a. nachdem er entdeckt hatte, was man mit einem Wallholz so alles anstellen kann. 



Und so nahm das Ganze seinen Lauf, wobei der Teigg erstaunlicherweise nicht in Jonas' Magen, sondern tatsächlich auf dem Backblech landete ...


... wo die Guetzli dann noch fachmännisch bepinselt wurden.


Natürlich musste dann erst einmal getestet werden, ob die Guetzli auch gelungen sind.



Anstandslos konnten dann die restlichen Exemplare als Überraschung für Papa eingepackt werden. Ja, und danach klappte es dann doch noch mit dem Spielplatzbesuch. Die Krise war fürs erste überstanden und wir sind gewappnet für das Weihnachtsguetzlibacken ("Omama" darf sich also jetzt schon auf die Verwüstung ihrer Küche freuen!)

Samstag, 18. Oktober 2008

Ein kleiner Samstagnachmittagsausflug

Nach zwei regnerischen oder zumindest grauen Tagen, die wir mit See-Spaziergängen, einem Kaffeebesuch, einem Spielplatznachmittag mit den Meier-Mädchen, feinem Essen zuhause und im Restaurant sowie einem Saunabesuch verbrachten, war auf der Wettervorhersage für Samstagnachmittag endlich mal wieder die Sonne zu sehen. Also packten wir nach dem fast schon obligaten Grosseinkauf vom Morgen unsere Siebensachen, weckten Jonas etwas frühzeitig aus seinem Mittagsschlaf und fuhren Richtung Petäjävesi. Ehrlich gesagt glaubte wohl keiner von uns mehr daran, dass sich die Sonne heute noch zeigen würde, doch dann geschah das Unglaubliche: innert kurzer Zeit riss die dicke Wolkendecke auf und Petäjävesi zeigte sich von seiner besten Seite. 


Wir genossen die Sonnenstrahlen und Pullas auf der Kirchentreppe ...


... und fuhren dann via Jämsä (im Süden) zurück nach Jyväskylä. Die Fahrt war wunderschön, v.a. auch wegen des schönen Abendlichts. 


Allerdings hatten wir die Distanzen wohl etwas unterschätzt und die Fahrt dauerte länger als erwartet. Da Jonas nach einiger Zeit ziemlich ungeduldig wurde, gab's noch einen kurzen Stopp unterwegs. Nach einer kurzen Fahrstunde bei Papa war die Welt dann aber auch für ihn wieder in Ordnung! 


Zum Abendessen gab es wieder einmal Fisch. Anders als der gebratene Lachs von Donnerstag wurde diese Seeforelle aber in den Ofen gesteckt - eine wesentlich immissionsärmere Machart, mit der sich alle im Haushalt der Fischstäblis abfinden konnten! 


Und dann war er auch schon wieder vorbei, der letzte Abend mit Barbara. Unglaublich, wie schnell die Zeit jeweils vergeht, wenn wir Besuch haben. Jetzt wird dann erst wieder einmal etwas mehr Ruhe einkehren, wir haben aber die Zeit mit all unseren Besuchen sehr genossen! Und für uns wird's wohl auch wieder etwas anstrengender, jetzt wo "Tante Barbara" weg ist. Jetzt müssen wir wohl wieder ran zum Spielen!

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Pyhä Häkki

Am Dienstagabend kam Susanne's Schwester Barbara mit dem Zug von Helsinki an. Fast hätten wir die Ankunft verpasst, denn Jonas weigerte sich, Jacke und Schuhe anzuziehen und nach draussen zu gehen. Zu zweit konnten wir den kleinen Löwen schliesslich bändigen und wir erreichten den Bahnhof genau gleichzeitig wie der Zug. Barbara hatte wunderschönes Wetter in Finnland's Hauptstadt gehabt, die Prognosen für den Rest der Woche sahen allerdings eher düster aus. Wie auch immer, die Freude über das Wiedersehen war gross und wir genossen den Rest des Abends. Jonas kann übrigens "Tantä Barbara" fast perfekt aussprechen, allerdings tönt es auch fast perfekt thurgauerisch...

Am Mittwoch Mittag machten wir uns auf den Weg in den Nationalpark Pyhä Häkki, den Jeanne und Werner in eigener Initiative vor genau einer Woche besucht hatten. Sie hatten so vom Park geschwärmt, wir mussten ihn auch endlich sehen. Und wir sollten nicht enttäuscht werden.


Das Faszinierende am Park sind nicht nur die wunderschönen Bäume, Wälder und Moore, sondern auch die Vielfalt, die er bietet.


Innerhalb von 6.5 km verändert sich die Landschaft mehrmals von einem Meter auf den anderen. Vom Märchenwald in den lichten Wald (Baumstämme wohin das Auge reicht) kommt man z. Bsp., indem man über eine kleine steile Kuppe geht.


Von diesem Wald kommt man direkt aufs Strangmoor. Hier erkennt man ganz deutlich , wo früher der See war, bevor er verlandete.


Bei der Picknickstelle am Kotjärvi gönnten wir uns einige Köstlichkeiten zum z'Vieri. Die Sonne bewegte sich langsam hinter die Bäume und es wurde bitterkalt (wie immer wenn hier schönes Wetter herrscht).





Eigentlich wollten wir dann mit Jonas noch ein wenig "in der Natur spielen", dies scheiterte jedoch am ausgeprägten Y-Chromosom unseres Sohnes. Auch im Nationalpark lässt sich wunderbar mit dem Plastikbagger (den wir unbedingt mitnehmen mussten) spielen. Dann ging es zurück zum Parkplatz. Wir setzten uns ins Auto, stellten die Heizung an und fuhren direkt in die Pizzeria, da wir schlicht zu faul zum Kochen waren. Es war wohl unser letzter Wandertag gewesen in diesem Jahr - aber einer der besten.

Montag, 13. Oktober 2008

Richtung Nordosten

Da wir Jeanne und Werner mehr zeigen wollten als Jyväskylä, Tampere und die Nationalpärke, beschlossen wir, für Sonntag und Montag nach Kuopio zu fahren. Weil wir nur ein Auto zur Verfügung hatten, teilten wir uns auf. Jeanne, Susanne und Jonas nahmen den Bärli-Zug via Pieksemäki - Christian und Werner fuhren mit dem Peugeot los. Die Strecke nach Kuopio zeigte sich wieder einmal mehr von ihrer schönsten Seite. Vor allem auf der etwa 45 km langen Strecke zwischen Ristilä und Levä sieht man nichts anderes als Wald, wunderschöne Seen und zwei hübsch gelegene Autoraststätten.


In Kuopio angekommen bezogen wir als erstes unsere Hotelzimmer und machten uns dann auf für eine Stadtbesichtigung. Gegen Ende des Tages kamen wir mit knurrendem Magen beim Halbinselchen Väinölänniemi an. Die Sonne war am Untergehen und wir genossen die herrliche Stimmung - alles und alle leuchteten goldgelb.



Nach einer feinen Portion Muikku mit mildem französischen Wein gingen Werner und Christian noch ins nahe gelegene Pub auf einen Schlummertrunk. Es gab es Rotwein aus dem Tetrapack und wir waren wohl die einzigen Besucher, die noch klar denken und deutlich sprechen konnten. Wiederholt setzten sich irgendwelche Typen an unseren Tisch und versuchten sich mit uns anzufreunden. Da konnten wir getrost unseren Ausländerbonus ausnützen und so tun, wie wenn wir nichts verstehen. Zum Glück schloss die Kneipe bald, es war keine glückliche Wahl gewesen.

Am Montag deckten wir uns am Markt und in der Markthalle mit einem Picknick ein und fuhren zum Puijo, dem Hausberg von Kuopio. Mit Schrecken mussten wir dort aber feststellen, dass der Aussichtsturm nur dann offen hat, wenn das Drehrestaurant offen ist - und das ist ab Oktober am Montag dummerweise zu. Stadtdessen unternahmen wir eine kleine, aber feine Wanderung durch den Märchenwald des Puijo. Seit der Gründung dieser "conservation area" im Jahre 1928 hatte man im Wald nichts mehr angefasst.


Zum Abschluss des Ausflugs besuchten wir noch einen der Bootshafen von Kuopio und schauten den Einheimischen zu, wie sie geschäftig ihre Boote für den Winter bereit machten. Zudem genossen wir die letzten Sonnenstrahlen.


Dann machten wir uns auf den Heimweg, wieder in 2 Gruppen aufgeteilt. Jeanne und Christian hatten gehofft, dass sie auf der Heimfahrt den Sonnenuntergang geniessen konnten. Leider war es dann eher bewölkt. Trotzdem trafen wir einige schöne Stimmungen an.


Morgen verlassen uns also die Rellstäbe Richtung Süden. Zuerst schauen sich noch Helsinki an, dann fliegen sie wieder nach Hause. Darüber sind wir traurig, hatten wir uns doch schon an unsere neue WG gewöhnt. Jemand mit 4 Beinen wird sicher darüber allerdings riesig freuen...

Freitag, 10. Oktober 2008

Tampere

Am Freitag machten sich Jeanne, Werner, Susanne und Jonas nach Tampere auf, obwohl die Wettervorhersage alles andere als berauschend war. Mit über 20-minütiger Verspätung setzte sich unser Zug dann in Bewegung; anscheinend hatte es am Vortag riesige Probleme auf dem ganzen Schienennetz von Südfinnland gegeben und die Normalität kehrte erst langsam wieder zurück. 

In Tampere,  der drittgrössten Stadt von Finnland und zugleich grössten Binnenstadt Skandinaviens machten wir zuerst einen kleinen Spaziergang entlang des Tammerkoski, welcher die zwei Seen von Tampere, den Näsijärvi und den Pyhäjärvi verbindet, die einen Niveauunterschied von 18 Metern aufweisen. Die Industrie ist in Tampere allgegenwärtig und die alten Fabriken und roten Backsteinhäuser machen wohl das besondere Flair der Stadt aus. 


Ziel war die Kauppahalli (Markthalle) von Tampere, wo Jeanne eine feine Fischsuppe essen wollte (sie war mit Christian ja schon einmal in Tampere gewesen und konnte sich somit als Reiseführerin betätigen). Und Jeanne wurde nicht enttäuscht: Der nette Franzose stand noch immer in der Küche seines Bistros und die Suppe scheint Jeanne und Werner geschmeckt zu haben. Jonas verschlief zwar den ersten Teil der Mahlzeit, rechtzeitig zum Kaffee (mit Schöggeli!) erwachte er jedoch und nahm ebenfalls an der Theke Platz. 


Nach einem Rundgang durch die Kauppahalli...


... wo wir natürlich noch einige Pullas und weitere Leckerbissen kauften, machten wir uns zur Tammerkoski-Stromschnelle auf. Nicht nur Jonas war beeindruckt. 


Ansonsten genossen wir das unerwartet schöne Herbstwetter und passten unser Tempo Jonas' an, weshalb die Zeit dann nicht mehr für einen Besuch des Aussichtsturms Näsinneula, sondern lediglich noch für einen kurzen Spielplatzbesuch reichte, bevor wir die Rückreise nach Jyväskylä antreten mussten, wo uns Christian bereits mit einem feinen Znacht erwartete. 


Donnerstag, 9. Oktober 2008

Gül

(Wer jetzt meint, dass sei ein finnischer Titel, der täuscht sich... Ü existiert in der finnischen Sprach nicht)

Heute musste Christian arbeiten. Leider müssen die Ferientage trotz Gästen sparsam eingesetzt werden. Auf dem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad entstand ein Panoramafoto. Von links nach rechts: Der naturwissenschaftliche Teil der Uni (Christian's Arbeitsplatz), die Fussgängerbrücke über den Jyväsjärvi und die Nokia-Gebäude (grosse Version durch Klick auf das Bild). Schon schön, wenn einem der tägliche Arbeitsweg an einem See entlang führt.


An der Uni dann die grosse Überraschung: Es war nicht nur wieder einmal Flaggentag, nein es war neben der finnischen Flagge auch die türkische gehisst! Grund dafür war der Besuch des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül. Er war vom ehemaligen finnischen Ministerpräsidenten (und diesjährigem Friedensnobelpreisträger) Martti Ahtissari für einen Vortrag an der Uni Jyväskylä eingeladen und hatte dies mit einem offiziellen Staatsbesuch kombiniert.


Der Titel des Vortrags - "Building a common future" - liess doch auf EU-Beitrittswerbung schliessen. Aus diesem Grund verzichtete Christian auch darauf, ihn sich anzuhören, ausserdem führten die Sicherheitsvorkehrungen dazu, dass man 1.5 h vor dem Vortrag dort sein musste. Das Überraschende am Besuch des Staatsgastes war aber, dass er sich als Erstes gleich in das Gebäude begab, in dem Christian arbeitete (warum auch immer). 

Der gesamte Parkplatz im Innenhof der Uni war aus Sicherheitsgründen abgesperrt und der rote Teppich wurde von unserem Hauswart (in Schale, kaum zu glauben) ausgelegt. Nach langem Warten erreichte die Wagenkolonne schliesslich unseren Innenhof. Angeführt von einem finnischen Polizeiauto, dann (in dieser Reihenfolge) einem kleinen Wagen voller Bodyguards, die Limousine mit Gül und irgendwelcher finnischer Prominenz, 2 grosse Minibusse voller Bodyguards, etwa 5 identische Limousinen mit weiteren wichtigen Leuten, einem Sanitätswagen und, ganz am Schluss, wieder in finnisches Polizeiauto. Nicht schlecht. Empfangen wurde der Tross von etwa einem Dutzend Journalisten.


Wir hatten uns Herrn Gül als mürrischen, etwas arroganten Typen vorgestellt. Als er aber die Eingangshalle betrat und all die Leute sah, die in von den drei Stockwerken begutachteten, blieb er stehen und rief laut und freundlich "Hello!", worauf Christian natürlich auch mit einem lauten "Hello!" antwortete. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass all die Finnen um ihn herum nur murmelten. Peinlich, peinlich... Dann verschwand der ehemalige Präsident der heute verbotenen islamistischen Partei im kleinen Seminarraum. Die Aufregung legte sich schnell und alle konnten endlich wieder in Ruhe arbeiten.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Valo on Jyväskylässä

"Darkness is not just a disadvantage but also a possibility!" - gross wird hier der jährliche Licht-Event angekündigt. Die Idee ist sicher gut: Wenn es schon lange dunkel ist, warum das nicht ausnützen und verschiedene Gebäude, Brücken und Skulpturen schön beleuchten? Wir wollten das unbedingt sehen und machten uns daher warm angezogen nach dem Nachtessen auf den Weg - nur Jonas hatte das Pyjama schon an und durfte in seinem neuen Winter-Kinderwagen-Schlafsack mitkommen und einschlafen.

Mehr als 30 beleuchtete Objekte waren angekündigt, hier einige Beispiele.

Die Stadtkirche


Fussgängerbrücke beim Bahnhof zur...


... Lutakossa-Messe


Kuokkala-Brücke


Blick vom Hafen über den Jyväsjärvi nach Kuokkala mit dem Wasserturm.


Trotz diesen schönen Bildern - der Gesamteindruck blieb gemischt. Viele Objekte waren nicht speziell beleuchtet, wie z. Bsp. die alte Lokomotive am Bahnhof oder das Sokos-Hotel. Hier hatte man den Eindruck, dass diese sowieso beleuchteten Objekte einfach in die Liste aufgenommen wurden, damit diese genug lang wurde. Höhepunkt des Abends war ein beleuchtetes Kunstwerk, das wie ein Baulift an einer Gebäudewand hoch- und runter ratterte. Ein wirklich lustiges Vergnügen - lange realisierten wir gar nicht, dass das Ding auch zum Programm gehört.

Irgendwann hatten wir dann genug und es war bitter kalt geworden (3°C gemäss Temperaturanzeige in der Fussgängerzone). Gemütlich genossen wir noch ein Glas Rotwein in unserer warmen Stube.

Werner ja Jeanne kansallispuistossa



(von Werner Rellstab) 

In Finnland gibt es zahlreiche Nationalpärke (Kansallispuisto) – je nach Quelle zwischen 30 und 35 an der Zahl – die grössten davon im Norden oder Nordosten des Landes. Sie sind jedermann zugänglich und zumindest in Teilen durch markierte, Wanderwege, Feuerstellen und Wildmarkhütten erschlossen (Quelle: Baedeker-Reiseführer Finnland).

Leivonmäki und  Pyhä-Häkki sind zwei der zahlreichen Nationalpärke, die wir gestern und heute besucht und erwandert haben. Leivonmäki ist nur etwa 35 km südlich, Pyhä-Häkki etwa 65 km nördlich von Jyväskylä entfernt.


7. Oktober

Nach zwei gemischt grau-blauen Tagen stehen sowohl die Wetterprognose wie auch das reale Wetter auf wolkenlos und schön. Christian hat vorgeschlagen, im benachbarten Nationalpark Leivonmäki den Tag zu verbringen. In weniger als einer Stunde erreichen wir den Infopunkt Selänpohja, wo die verschieden langen Routen starten. Der Park ist der jüngste aller Pärke in Finnland. Er wurde erst 2003 offiziell eröffnet, 27 Jahre nach den ersten Bemühungen solch ein Projekt zu realisieren.

 

Wir – Christian, Jeanne und Werner (die bedauernswerte Susanne muss arbeiten) – wählen die blau markierte Route ans Ende der Landzunge Joutsniemi. Der Weg führt durch lichte Wälder mit Tannen und zurzeit leuchtend gelben Birken.

Immer wieder tauchen auch kleinere Weiher auf – ein absolut einmaliger Anblick – kaum beschreibbar – und mit unseren schweizerischen Massstäben nicht zu messen. Allenfalls kann der kanadische „Indian Summer“ noch am besten mithalten. 

Auf  beiden Seiten der Landzunge erstreckt sich das Rutajärvi (Rutasee) – heute mit wilden Wellen. Es geht ein starker, etwa 5 Grad kalter Wind, der durch alle Kleider dringt und uns das Schwitzen abgewöhnt. Nach 4.5 km, am Ende der Landzunge heisst es umkehren um das wohlverdiente Picknick verschlingen. Hier scheitert auch der 2. Versuch Werners, einen leckeren lokalen „Sauren Most“ – so nach Thurgauerart – zu schlucken. Der gestrige hatte einen starken Hang zu synthetischem Johannisbeeraroma und der heutige ist süss wie ein Kinderdessert. Zurück wählen wir denselben Weg. Es gibt zwar eine alternative Route durch den Sumpf, diese wollen wir aber Werners lädiertem Meniskus-Knie nicht zumuten.

In einem idyllisch gelegenen Café beenden wir den wundervollen Tag mit einem finnischen Filterkaffee und in Ermangelung von Jonas Anwesenheit ohne Pulla (Hefegebäck).

 

8. Oktober

Nach dieser guten Erfahrung von gestern wagen wir (Jeanne & Werner) uns ganz alleine mit dem goldenen Renault der Fischstäblis, trotz angedrohter Bären und Rentiere, in den 13 kmgrossen Pyhä-Häkki-Nationalpark. Dieser liegt an der Strasse 6510 von Saarijärvi nach Kannonkoski. Diejenigen, die unseren Ausflug nachahmen wollen, seien gewarnt. Vom Süden her ist diese Strasse sehr schlecht zu finden. Man muss wirklich von der Hauptstrasse weg in das Dorfzentrum von Saarijärvi hineinfahren und den Wegweiser nach Kannonkoski finden. Einen direkten Hinweis auf Pyhä-Häkki haben wir nicht gesehen oder übersehen. Nach einer halben Stunde des Umherirrens werden wir aber trotzdem fündig. Die Strasse führt mitten durch den Park. Nach ca. 22 km finden wir links das unbemannte Infozentrum, wo alle gut bezeichneten und farblich markierten Wege und Rundwege starten. Wir wählen die „Königsroute“, den 6.5 km langen Kotaneva, für den eine Wanderzeit von 2.5 Stunden prognostiziert ist. Kinderspiel denken wir, 6.5 km macht man locker in 1.5  Stunden. Allerdings haben wir nicht mit den übermässig zahlreichen Wurzeln, Steinen und schmalen Stegen gerechnet, sodass es am Ende wirklich zu dieser Schneckentempowanderzeit kommt.

Nach dem aufliegenden Prospekt zählt Pyhä-Häkki zu den Pärken mit den bedeutendsten Altwaldvorkommen mit bis zu 500 Jahre alten Bäumen. Prägend für seine Landschaft ist ein ständiger Wechsel von Wäldern, Mooren und kleinen Teichen. Offensichtlich ist man stolz auf die alten Föhren: es gibt da einen neuen und einen alten „iso puu“, also einen alten und einen neuen „grossen Baum“. Für uns Tösstaler sind die gefundenen zwei „grossen Bäume“ aber eher Spränzel. Die hundertjährigen Tannen am Tössstock sind um einiges dicker und grösser als ihre Verwandten hier. Offensichtlich ist das nördliche Klima für ein kräftiges Wachstum bremsend. Dies bestätigt die abgesägte Scheibe eines gestorbenen Baumes im Infozentrum: der 310 Jahre alte Baum bringt es nicht einmal auf einen Radius von 30 cm, also weniger als 1 mm pro Jahrring.

Auf dem ersten Teil des Weges durchqueren wir einen richtigen eher düsteren „Hänsel und Gretel“- Wald, übersät mit dickem, mit Moos bewachsenen Bollensteinen und gestorbenen Bäumen. 

Bald geraten wir dann in die zahlreichen Moore mit kilometerlangen schmalen Holzstegen. Diese bestehen aus längs aufgesägten Telefonstangen – je nach Alter in gutem oder in morschem Zustand. Die Landschaft ist umwerfend schön. Leider schmälert die unablässige Konzentration auf die beiden Planken – auf dass man nicht im Sumpf versinke –  den Genuss etwas und es sind etliche kleine Pausen angesagt. In der Mitte des Rundweges dominieren lichte Föhrenwälder mit herbstgelben Birken dazwischen, welche die wärmende Sonne durchlassen. Diese Wärme nutzen wir dann auch für ein Picknick. Heute haben wir uns unsere Handbrote selber fabriziert. Es ist erstaunlich: das finnische Brot ist ausgezeichnet, die käuflichen Sandwichs aber sind von McDonalds- ähnlicher Konsistenz gefüllt mit grünen Salatblättern, Gurken, Schinken und undefinierbarem cremigem Inhalt – nahezu ungeniessbar.

Auf dem Weg finden wir auch wunderschön gelegene Picknickplätze. Diese sind zum Teil wirklich luxuriös. Immer ist Brennholz vorhanden, es gibt ein WC, eine Feuerstelle, ein Dach über dem Kopf etc. Erstaunlich ist die Sauberkeit dieser Plätze. Anscheinend sind die Finnen noch nicht vom Littering-Virus angesteckt und achten die einfachen Regeln des Zusammenlebens.

Nach gut drei wunderschönen Stunden fahren wir mit dem ausgeliehenen Renault wieder nach Jyväskylä zurück in das gemütliche Heim der Fischstäblis.